In der Diskussion um die atomaren "Zwischenlager" taucht immer wieder das Argument auf, wir könnten unseren Atommüll ja nicht Anderen vor die Haustüre karren. Darum sei es angemessen, ein örtliches Zwischenlager bei jedem Kernkraftwerk zu unterhalten. Wer den Atommüll produziert, müsse sich auch dessen Lagerung gefallen lassen.
So einleuchtend das im ersten Moment klingen mag, so falsch ist dieses Argument- im doppelten Wortsinn. Wenn es wahr wäre, daß man Müll grundsätzlich dort lagern sollte wo er entsteht, dann müßten wir gewaltig umdenken. Als erstes müßten wir die Müllabfuhr abschaffen und den Hausmüll in unserem Garten vergraben oder im Keller lagern. Daß dies blanker Unsinn ist, leuchtet im ersten Moment ein. Warum sollte es bei Atommüll anders sein?
Natürlich wird auch künftig die Müllabfuhr kommen und den Hausmüll woanders hin bringen. Man nennt das ein "Entsorgungskonzept". In unserem Land gilt für beinahe alles und jeden ein Entsorgungskonzept. Jeder Haushalt ist gezwungen daran teilzunehmen, und das ist auch gut so. Gewerbetreibende sehen sich noch schärferen Entsorgungsvorschriften ausgesetzt, bei Nichteinhaltung riskieren sie Bußgelder und die Schließung ihres Betriebes.
Von dieser allumfassenden Regelung gibt es nur eine einzige Ausnahme: Die Atomindustrie. Weder Industrie noch Politik haben es geschafft, ein schlüssiges Entsorgungskonzept einzurichten. Dessen Rückgrat müßte zwingend logisch das atomare Endlager sein, doch ein Endlager gibt es nicht, und es ist auch keines in Sicht. Ohne Endlager ist aber auch jedes Zwischenlager sinnlos.
Wie sinnlos, das zeigt ein kleines Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, es gäbe keine Müllabfuhr. Wohin mit dem täglichen Hausmüll? "Bringt ihn auf den Marktplatz", sagt der Bürgermeister, "dort werden wir ihn die nächsten 40 Jahre auftürmen. Vielleicht schaffen es künftige Generationen, eine zentrale Müllhalde einzurichten oder eine Verbrennungsanlage in Betrieb zu nehmen, wenn sie bis dahin nicht im Müll ersticken".
Wenn Sie das für einen völlig hirnrissigen Gedanken halten, haben Sie recht. Leider soll genau das für den atomaren Abfall Wirklichkeit werden. Gegen alle Vernunft läßt man einen Industriezweig arbeiten, der hochgefährlichen, radioaktiven Müll produziert, von dem niemand weiß, wo er eines Tages hin soll. Und die "wilde Müllkippe", die man dazu braucht, heißt "Zwischenlager".
Wer das Rot-Grüne "Ausstiegs"gesetz immer noch mitträgt, der hat natürlich ein Problem mit dem extra dafür erfundenen Konzept der regionalen Zwischenlager. Nüchtern betrachtet gilt: Der Ausstieg ist nur ein Feigenblatt, denn im Laufe von rund 20 Jahren werden sich genügend Koalitionen finden, die den Ausstieg verlängern, ganz abschaffen, oder gar neue Atomkraftwerke bauen wollen. Das war von vorneherein klar. Die Kernkraftbetreiber aber können jubeln, sie gehen durch den sog. Atomausstieg gestärkt in die strahlende Zukunft. Denn die im Ausstiegsgesetz beschlossenen Zwischenlager lösen mindestens drei ihrer größten Probleme:
Wer die Zwischenlager in dieser Form ins "Atomausstiegsgesetz" geschrieben hat wußte ganz genau, daß damit eine Hintertür geschaffen wurde für den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke.
Vor diesem Hintergrund ist die Versuchung groß, durch rhetorische Verwirrspielchen von der eigenen, fragwürdigen Position abzulenken. Keinen anderen Zweck hat das unselige Argument von "unserem" Atommüll.
Nein, dies ist nicht unser Atommüll. Es ist der Atommüll, den das ganz große Geld in seiner unersättlichen Profitgier produziert, und mit ihm die Politiker, die dem großen Geld dienen. Es ist perfide, den Menschen einreden zu wollen, sie seien selbst schuld am Atommüll und sollten sich gefälligst mit dem Zwischenlager abfinden. Wer so argumentiert, stellt sich intellektuell wie moralisch ins Abseits.