Pressemitteilung
Am 28. Mai 2004 hat das zuständige Bundesamt für
Strahlenschutz in Sachen Atommüllager Niederaichbach den Sofortvollzug angeordnet. Damit hat die Bedrohung eine neue
Dimension angenommen.
Bisher hatten nämlich die eingereichten Klagen -
unter anderem von GaU e.V. Mitglied Rudi Schnur- aufschiebende Wirkung. Jetzt kann der Betreiber Eon unverzüglich
mit dem Bau der Lagerhalle für abgebrannte Kernbrennstäbe beginnen und darf
Fakten schaffen, ohne den Rechtsstreit über dieses höchst umstrittene Projekt
abwarten zu müssen.
Was macht das Atommüllager so gefährlich? Einerseits
ist es die unzureichende Technik. Die Lagerhalle selbst bietet keinen
nennenswerten Schutz. Das ist auch garnicht beabsichtigt. Die Sicherheit des
strahlenden Abfalls hängt an einem einzigen Stück Technik, dem sogenannten Castor Behälter. Jeder dieser Castoren
enthält mehr Radioaktivität, als beim Unglück in Tschernobyl freigesetzt wurde. Das Atommüllager
soll bis zu 152 Castoren aufnehmen und mindestens 40 Jahre lang betrieben
werden können. Die Folgen eines größeren Schadens übertreffen unser
Vorstellungsvermögen.
Die Castor Behälter brachten es zu zweifelhafter
Berühmtheit, weil sie viele Jahre lang Ziel heftiger Proteste gegen Atommülltransporte waren. An diesen
Protesten beteiligten sich auch die heute Verantwortlichen, insbesondere
Umweltminister Trittin. Weshalb Castoren, die früher selbst für einen
kurzzeitigen Transport zu unsicher schienen, nun plötzlich Sicherheit für 40
Jahre Genehmigungszeit bieten sollen, bleibt das Geheimnis des Umweltministers.
Die wunderbare Wandlung des Castorbehälters vom Transportrisiko zum Lagerprimus
erinnert an die biblische Verwandlung von Wasser in Wein. Man muß halt dran
glauben.
Überall wo es auf Technik ankommt, beispielsweise
bei Verkehrsflugzeugen, gibt es ein Zauberwort: Redundanz. Es meint, daß eine Funktion zwei- oder besser mehrmals
vorhanden sein muß, damit beim Ausfall des einen Stückes Technik ein Ersatz
greift und Katastrophen verhindert. Nicht so beim Castor. Sollte er undicht
werden, dann gibt es keine Rettung mehr. Die Lagerhalle ist vielmehr offen und
wird über einen steten Luftstrom gekühlt. Sie wird die austretende Radioaktivität nicht hindern, sondern
verbreiten helfen.
Logischerweise haben die Betreiber keine andere
Möglichkeit, als gebetsmühlenhaft die angeblich zweifelsfreie Sicherheit der
Castoren zu beschwören. Es erinnert an die Stellungnahmen vor Tscher-nobyl, als
ein solches Unglück auch als "praktisch ausgeschlossen" abgetan
wurde. Beunruhigend ist dabei, daß bei den heute eingesetzten Castor Modellen
die eigentlich vorgeschriebenen Sicherheitstests
nie durchgeführt wurden. Angeblich aus Kostengründen, vielleicht auch nur aus
Angst vor den Ergebnissen. Die Betreiber verweisen gerne auf Rechenmodelle, die
solche Tests überflüssig machten. Jedoch: Man hat auch ein Space Shuttle
abstürzen sehen, und daran wurde lange genug herumgerechnet.
Die zweite Quelle ernster Bedrohung ist der
internationale Terrorismus. Das
großflächige und nicht weiter geschützte Atommüllager ganz nahe am
Großflughafen München ist ein ideales Ziel für Anschläge nach dem Muster des
11. September. In wenigen Flugminuten, mit der Dampfwolke über Ohu als
Orientierungshilfe, erreichen die Terroristen ihr Ziel. Alles geht viel zu schnell, es gibt keine Abwehr.
Die täglichen Schreckensmeldungen und die verfahrene Lage im Irak lassen
befürchten, daß der internationale Terrorismus seinen Höhepunkt noch lange
nicht erreicht hat.
In dieser Lage ist der eben ergangene Sofortvollzug verantwortungslos. Das Atommüllager
ist falsch konzipiert und technisch unzureichend, es löst die Probleme der
Atommüllentsorgung nicht, sondern verschärft sie. Das Bundesamt für
Strahlenschutz ist aber nur eine abhängige Behörde, die letztlich den
politischen Willen der Bundesregierung vollzieht. Dort liegt die eigentliche
Verantwortung für diesen schwerwiegenden Eingriff in die Rechte der Kläger und
damit der Menschen in unserer Region. Diesen Rechten widmet der Bescheid einen
einzigen, dünnen Alibisatz. Seitenweise werden hingegen die Rechte der
Antragsteller (Eon) gewürdigt und in der "Güterabwägung" bevorzugt.
Mit zum Teil absurden Argumenten.
Beispiel: Dezentrale Zwischenlager
würden nur einen einzigen Transport zum späteren Endlager erfordern, zentrale
Lager wie Gorleben und Ahaus dagegen zwei Transporte, heißt es im Bescheid.
Eine Milchmädchenrechnung, denn dieses Endlager ist weit und breit nicht in
Sicht. In den vergangenen 50 Jahren konnte man sich auf keinen Standort
einigen. Eigentlich wäre es logisch, erst die endgültige Entsorgung
sicherzustellen, ehe man immer mehr Atommüll in unsicheren Zwischenlagern
anhäuft, egal wo. Übrigens: Die Gefährdung der Bevölkerung bei jahrelanger
Atommüllagerung an falscher Stelle wiegt ungleich schwerer als ein zweiter
Transport, der nur Tage dauert.
Ein weiteres, abstruses Argument des Bescheids
lautet: "Ziel ist es, über die
Aufbewahrung der bestrahlten Kernbrennstoffe in dezentralen Zwischenlagern an den Standorten von Kernkraftwerken zu einer
Befriedung der Gesellschaft beizutragen, nachdem es in der Vergangenheit zu
massiven Protesten von Teilen der Bevölkerung gegen derartige Transporte gekommen ist, und das für den
Schutz erforderliche Polizeiaufgebot ganz erheblich angestiegen ist."
Darin offenbart sich ein bedenkliches Rechtsverständnis. Man könnte diesen
Satz als Aufruf zur Randale lesen. Denn wenn sich der Bund bei seiner
Entscheidungsfindung vom Ausmaß des nötigen Polizeiaufgebotes leiten läßt, dann
bekommt in Zukunft derjenige recht, der den wirkungsvollsten Protestterror auf
die Straße trägt.
Politisch absurd ist, daß hier ein grüner Umweltminister den einst von ihm selbst
mitgetragenen und mit aufgebauten Protestdruck als Argument benutzt, um eigene
Fehlentscheidungen zu rechtfertigen. Fehlentscheidungen, gegen die er selbst am
lautesten protestieren würde, wäre er noch in der Opposition. Apropos: Keine der maßgeblichen
Parteien fällt gegenwärtig durch bessere Alternativkonzepte auf. Alle scheinen
nach dem Floriansprinzip klammheimlich froh, daß ihnen mit dem Atommüllager die
Mühsal erspart wird, für eine bessere Lösung streiten zu müssen.
Wo die
Politik versagt, müssen die Bürger selbst handeln. Der GaU e.V. wird seinen Widerstand gegen das Atommüllager fortsetzen. Wenn unsere Klage
Erfolg hat, wird es kein Atommüllager geben.
Peter Quartier Diemut Jäcklein
1. Vorsitzender 2.
Vorsitzende