Tiefer hätte der Absturz kaum sein können. Eben noch hatten sich die Kernkraftbetreiber als Klimaretter angedient, in der öffentlichen Meinung schien ein Umschwenken zugunsten der Kernkraft möglich. Doch der doppelte Kurzschluß vom 28. Juni 2007 und der davon ausgelöste Brand in der großen Trafostation von Krümmel lösten eine schwere Glaubwürdigkeitskrise aus: Wie unsicher ist Kernkraft wirklich, und kann man diese Risikotechnologie Firmen anvertrauen, die sich so verantwortungslos verhalten wie Vattenfall?
Eigentlich hätte man solche Zustände eher in Temelin erwartet. Für alle, die gebetsmühlenartig die "sicheren deutschen Kernkraftwerke" preisen ist es extrem peinlich, daß sich derartige Fehler und Pannen bei uns abspielen. So berechtigt die Kritik am Pannenreaktor Temelin auch sein mag, sie hat ungewollt dem Propagandaargument Vorschub geleistet, die deutschen Kernkraftwerke seien die sichersten auf der Welt. Vermutlich wollten auch viele kritisch eingestellte Menschen das insgeheim gerne glauben, es lebt sich einfach angstfreier mit dieser Illusion. Dabei zeigt ein Blick auf die weltweite Pannenstatistik, daß schwere Zwischenfälle auch in Hochtechnologieländern auftraten. Etwa in Harrisburg in den USA, wo die Kernschmelze nur knapp verhindert wurde. Oder in Japan, dem reichen Land, das geradezu sprichwörtlich pflichtbewußt und diszipliniert arbeitet- oder doch nicht, wenn man sich schlampig betriebene Kernkraftwerke wie Tokaimura ansieht. 2006 dann traf es dann Schweden, zur Verwunderung der billigmöbelseligen Deutschen, denen nie der Gedanke gekommen wäre, der nächste Supergau könnte im Land der Elche losbrechen. Er könnte sehr wohl. Und er könnte sich genausogut an jedem deutschen Standort ereignen, jeden Tag und zu jeder Stunde, natürlich auch in Landshut/Niederaichbach.
Baldrian fürs Volk: Die medienwirksame Empörung
Angesichts der Reaktion von Politik und Behörden könnte man zufrieden sein und sagen: Sieh an, die rechtsstaatlichen Mechanismen wirken,
Hochmut kommt vor den Vattenfall, und das Gemeinwohl hat gesiegt. Es ist sogar vom Entzug der Betriebserlaubnis die Rede, also alles in Ordnung?
Sicher nicht. Entscheidend ist, daß bei den aktuellen Vorfällen keine auffällige Radioaktivität frei wurde (auch die laufend ausgewerteten
Meßkurven des GaU e.V. zeigen keine Besonderheiten) und daß der Supergau schlicht nicht eintrat. Da "nichts besonderes" passiert ist, hat die
Politik genügend Spielraum zum Schaulaufen. Man kanalisiert die Empörung in der Bevölkerung, indem man sich werbewirksam an die Spitze stellt,
Medienpräsenz zeigt, Karrierepluspunkte sammelt und später bei allmählichem Nachlassen der öffentlichen Aufmerksamkeit dafür sorgt, daß der
Vorgang einvernehmlich mit der Atomindustrie begraben wird. Dieser Trick hat schon in der Atommüllfrage bestens gewirkt und direkt zum Bau
der "Zwischenlager" geführt, eines davon in Niederaichbach.
Die aktuellen Pannen kommen nämlich auch für die Politik zu einem denkbar ungeeigneten Moment. Wir befinden uns mitten in einer zeitweilig hysterisch geführten Klima- und CO2-Debatte, wo sich bis hinauf zu Bundeskanzlerin Merkel eine Bewegung zur Erneuerung der Kernkraft formiert. Ob Frau Merkel wirklich glaubt, mit der Kernkraft könne man das Weltklima retten, darf zumindest bezweifelt werden. Eher ist es so, daß sie erkannt hat, daß viele Wähler sich von inbrünstig vorgetragenen CO2 Bekenntnissen nur allzu gerne verführen lassen, und als geschickte Taktikerin möchte sie dieses Stimmenpotential an sich binden, ehe andere Parteien davon profitieren. Die Betreiber wiederum begrüßen natürlich jede Verlängerung der Restlaufzeiten, weil das angesichts abgeschriebener Anlagen für sie hochprofitabel ist. Folglich haben Politik und Kernkraftbetreiber ein gemeinsames Interesse, die öffentliche Debatte über die aktuellen Zwischenfälle schneller herunterzufahren als selbst das älteste und trostloseste Pannenkraftwerk.
Die Lage wäre völlig anders, wenn es zu einem ernsten Zwischenfall mit Freisetzung großer Radioaktivitätsmengen gekommen wäre. Unter dem Vorwand, keine Panik aufkommen zu lassen, würden Betreiber und Politik an einem Strang ziehen und gemeinsam versuchen, ein sofortiges Abschalten der Kernkraftwerke zu verhindern, indem sie die öffentliche Meinung mit Lügen und Vertuschung beschwichtigen.
Energieunternehmen unterliegen den Mechanismen des globalisierten Marktes. Und der wird von Profitmaximierung gesteuert, nicht vom Idealismus derer, die ein Kernkraftwerk "perfekt" betrieben sehen möchten. Das Grundgesetz der Globalisierung heißt "Shareholder Value", frei übersetzt "Vorfahrt für Anteilseigner". Alle unternehmerischen Entscheidungen werden ausschließlich unter dem Gesichtspunkt getroffen, ob eine Maßnahme den Wert der Aktie erhöht oder nicht.
Sparen kommt bei Aktionären und Analysten immer an, selbst wenn am falschen Ende gespart wird. Übrigens ist es der Normalfall in jedem Unternehmen, daß "der Kaufmann" das letzte Wort über Investitionen hat und nicht "der Ingenieur". Ein eklatantes Beispiel für übertriebenes Sparen zeigte sich im schneereichen Winter 2005/2006, als unter der Schneelast bundesweit mehrere Strommasten zusammenbrachen und erhebliche Stromausfälle bewirkten. Der Spiegel berichtete damals, den Betreibern hätten längst interne Studien vorgelegen, die vor den Risiken warnten. Das Management scheute jedoch die hohen Kosten einer durchgreifenden Sanierung. Fazit: Ob Infrastruktur oder Personal, auch reiche Firmen investieren wird nur das, was sich wirklich nicht umgehen läßt.
Ob in alte Kernkraftwerke wie Krümmel oder auch Isar 1, die ja möglicherweise in einigen Jahren abgeschaltet werden, noch großzügig investiert wird, mag da jeder für sich selbst beantworten.
Geradezu realsatirische Qualität hat die Mitteilung, in Krümmel sei eine Arbeitsbühne mit den falschen Dübeln montiert worden. Millionen auch minder begabter, deutscher Heimwerker würden sich ohne weiteres zutrauen, für ihre Belange die richtigen Dübel zu wählen. Wie kann es sein, daß angeblich hochqualifiziertes Personal solche Fehler macht?
Der menschliche FaktorStellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen am Schalthebel eines Kernkraftwerks, und es brennt. Rauch dringt ein, Sie setzen die Gasmaske auf. Wie würden Sie regieren? Würden Sie gelassen und heiter bleiben, und mit einem entspannten Scherzwort auf den Lippen alles richtig machen um die Gefahr zu bannen? Oder könnte es sein, daß Sie Anzeichen von Panik entwickeln, daß vor Ihren Augen alle Bilder von Tschernobyl auftauchen, von schwer verstrahlten Opfern? Denken sie vielleicht: Oh Gott, es könnte zur Kernschmelze kommen und ich bin mitten darin?
Würden Sie in dieser Situation alles richtig machen? Oder könnte Ihnen ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen, der den GAU erst richtig auf den Weg bringt? Steht um Sie herum womöglich ein Dutzend aufgeregter Kollegen, die zwei Dutzend Meinungen haben, was man als nächstes tun muß? Spricht Ihr Schichtführer eine Anordnung aus, die Sie für falsch halten, und befolgen Sie den Befehl- oder verstoßen Sie dagegen?
Beim Herunterfahren von Krümmel kam es zu einem bemerkenswerten Bedienungsfehler, als der Reaktorfahrer entgegen der Anweisung seines Schichtführers die Ventile längere Zeit öffnete und den Druck unnötig tief absenkte. Offiziell hieß es, der Mann habe die Anweisung nicht verstanden. Allerdings: Die Anweisung des Schichtleiters ist für "kleine Pannen" richtig, die Maßnahme des Reaktorfahrers ist die Prozedur für schwerere Störungen.
Es ist für Außenstehende schwer, sich in die Lage von KKW Mitarbeitern zu versetzen, die nach jahrelanger Routine plötzlich mitten in einer bedrohlichen Krise stecken. Sicher ist, daß man sich auf den "menschlichen Faktor" eben nicht hundertprozentig verlassen kann. Ist der Betreffende müde und unkonzentriert? Wie reagiert er unter großem Druck? Waren in schwedischen (und anderen) Kernkraftwerken vielleicht nicht nur die Bauarbeiter betrunken? Läuft gerade eine Fußballübertragung?
Es ist doch eigentlich erschreckend, an welchen Nichtigkeiten es hängen kann, ob beispielsweise der Großraum Landshut-München katastrophal verstrahlt wird oder nicht. Darum müssen wir die Atomtechnologie abschalten. Wir dürfen ihr keine Chance geben, ein Versagen von Mensch und Technik mit apokalyptischen Folgen zu bestrafen.
Man muß kein Prophet sein um vorherzusagen, daß am Ende keine Betriebserlaubnis entzogen werden wird, dies ist nur ein taktischer Schachzug.