Marode Strommasten trotz Rekordgewinn

Bereits vor Jahren war die Unternehmensleitung von RWE durch firmeninterne Studien über die erheblichen Mängel ihrer Strommasten informiert. Eine spröde gewordene Stahllegierung aus den Fünfziger und Sechziger Jahren führt dazu, daß die Masten rund 60% ihrer Festigkeit einbüßen können und so die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestwerte unterschreiten. Der Schneefall im Münsterland war da nur der letzte Auslöser, der die Probleme ans Licht brachte, aber bereits vorher waren Strommasten umgeknickt. Die Verantwortlichen kannten die Probleme sehr genau. Sie wußten insbesondere um die Gefahren, die von den einstürzenden Stahlriesen und ihren Hochspannungsleitungen auf Passanten ausgehen, von den wirtschaftlichen Schäden durch große Stromausfälle einmal ganz abgesehen.

Man möchte meinen, daß die Unternehmensleitung von RWE sofort nach Bekanntwerden dieser Zustände mit Hochdruck an der Sanierung ihres Netzes gearbeitet hätte. Die geschätzten Kosten von 1,2 Mrd. Euro wären allein aus dem Gewinn vor Steuern von 2004 finanzierbar gewesen, der betrug stolze 3,7 Mrd. Euro. Statt dessen geschah- nichts.

Das kann nicht wirklich überraschen, wenn man die Mechanismen von "Shareholder Value" kennt. Oberstes Gebot der Globalisierung ist es, möglichst hohen Profit in möglichst kurzer Zeit abzugreifen. Das Fieberthermometer dafür ist der Aktienkurs. Und RWE fürchtete, so die Einschätzung von Spiegel Online, unter anderem den Absturz des Aktienkurses, weil große Sanierungsmaßnahmen nicht nur teuer sind, sondern einem öffentlichen Eingeständnis gleichkämen, daß erhebliche Probleme bestehen. Analysten vermuten da gerne weitere Leichen im Keller und lassen entsprechenden Aktien fallen wie die sprichwörtliche, heiße Kartoffel.

So richtig es sein mag, RWE und die übrigen Energieversorger mit ihren Versäumissen zu konfrontieren und Abhilfe zu fordern, genauso wichtig ist es zu verstehen, was eigentlich dahinter steckt: die entgleisende Globalisierung.

Die völlig skrupellose Ausrichtung auf Profitmaximierung als ein Hauptmerkmal der Globalisierung ist nicht das Ergebnis einer autonomen Entscheidung einzelner "Großkonzerne". Über allen Konzernen steht vielmehr die internationale Finanzspekulation. Zum Beispiel jene, die Franz Müntefering als "Heuschrecken" bezeichnete, obwohl auch solche hochspekulativen Hedge Fonds nur einen Teilaspekt ausmachen. Globale Spekulation ist inzwischen eine riesige Schattenwirtschaft, die weit mehr Geld bewegt als die "Realwirtschaft", in der sich große und kleine Unternehmen mühen, Produkte und Dienstleistungen anzubieten.

Globale Spekulation hat selbst große, internationale Konzerne im Würgegriff. Die Stichworte lauten z.B. "Shareholder Value" und "Aktienkurs". Natürlich ist es allen Beteiligten ein gemeinsames Anliegen, Gewinn zu machen. In der Praxis aber läuft der spekulative Druck, der sofort realisierbaren, maximalen Profit erzwingen möchte, den wirklichen Interessen der Unternehmen zuwider. Denn statt langfristig planen zu können, sind die Firmen zu kurzatmiger Hektik von einem Quartal zum nächsten verdammt. Sinnvolle Re-Investitionen des Gewinns fallen dem Rotstift zum Opfer.

Insofern ist die in Spiegel Online geäußerte Vermutung völlig schlüssig. Dort heißt es, RWE sei sich der Gefahr durch marode Stahlmasten voll bewußt gewesen und hätte die Sanierung der Masten ohne Mühe bezahlen können. Nur sei dies möglicherweise aus Furcht vor einer Gefährdung des Aktienkurses bewußt unterlassen worden.

Und an der Stelle drängen sich unbequeme Überlegungen auf:

1) Angenommen, im laufenden Betrieb von Atomkraftwerken würden gravierende Mißstände bekannt, ähnlich den morschen Masten. Die gleiche Globalisierungslogik könnte dazu führen, daß man auch diese Mängel vertuscht, statt sie zu beheben. Denn jedes großformatige herumdoktern am AKW müßte unvermeidlich zu öffentlichem Mißtrauen führen, und das könnte die Aktien der Energieversorger noch viel nachhaltiger abstürzen lassen als einknickende Stahlmasten.

2) Globale Unternehmen planen und handeln mit einem starken Fokus auf die vier Quartale des laufenden Jahres. Wie kann man diesen Unternehmen die Sorge um Atommüllager anvertrauen, die auf vierzig Jahre oder 160 Quartale genehmigt wurden?

3) Angenommen, ein Castorbehälter im Atommüllager wird im Laufe der 40 Jahre undicht. Würde man die Öffentlichkeit wirklich unterrichten? Oder würde man aus Angst um den Aktienkurs vertuschen, was nur zu vertuschen geht?

An diesem Punkt spielen wir vom GaU e.V. ganz gerne die Rolle das Spielverderbers. Mit dem Vertuschen wird man sich schwer tun, solange wir unser Meßnetz betreiben. Angesichts der eher steigenden Bedrohung werden wir unser Meßnetz modernisieren und weiter ausbauen.