Lügen haben kurze Masten
Wir trauten unseren Augen und Ohren nicht. Was sich in den vergangenen Tagen abspielte, hätten wir vielleicht in abgelegenen Bergregionen Kaschmirs
für möglich gehalten, nicht aber in Deutschland. Da fällt Schnee, übrigens nicht zum ersten Mal, und plötzlich reißen Stromkabel ab, knicken
Überlandleitungen um, bricht die Stromversorgung großflächig zusammen. Rund 90.000 Menschen waren betroffen, und etwa soviele Menschen wie Landshut Einwohner
hat mußten vier Nächte ohne Licht, Heizung und Warmwasser ausharren. Augenzeugen berichteten von dem Schreckensmomenten, als gerissene
Hochspannungsleitungen vor ihnen auf dem Boden lagen. Erste Schätzungen des wirtschaftlichen Schadens sprechen von über 100 Millionen Euro.
Wie kann so etwas passieren?
"Höhere Gewalt" nannte es der Sprecher von RWE. Kein Wunder, denn bei höherer Gewalt sind die Stromversorger von jeder Haftung befreit.
Wer würde da schon freiwillig sagen: "Wir haben unsere Anlagen zu billig gebaut und seit Jahren nicht genügend investiert". In einer Stellungnahme hieß es,
die Überlandleitungen seien nicht auf Belastungen wie im Alpenraum ausgelegt, weil dort halt mehr Schnee fallen würde als im Münsterland.
Aha- es wäre also auch möglich gewesen, stabiler zu bauen. Das hätten wir uns doch fast gedacht,
auch wenn wir zugegebenermaßen keine Strommastenbauer sind.
Man tat es eben nicht. Der Grund liegt auf der Hand: Um Kosten zu sparen. Dazu paßt die Meldung, daß die Stromversorger seit 1998 ihre Reinvestitionsquote
von 2,5 auf teils unter 1 Prozent gesenkt hätten. Geht es den Energieversorgern so schlecht, daß sie am Stahl für ihre Strommasten geizen müßten? Nicht wirklich,
wenn man an die rasanten Gewinnsteigerungen denkt. Wo fließt das gesparte Geld dann hin? Baut man daraus vielleicht aufwendige, terrorismusgeschützte
Zwischenlager? Sicher nicht, das sind bessere Betongaragen, die außer dem berüchtigten Castorbehälter keine Sicherheit bieten. Der Castor steht halt nicht
ganz im Freien. Aber ansonsten steckt der gesparte Profit sicher nicht in dieser Atommüllkippe für Arme. Wo dann?
Wohl dort, wo seit geraumer Zeit aller Profit hinfließt: Im Shareholder Value. Zu Deutsch: Im Gewinn für den Anteilseigner. Ein Kernprinzip der Globalisierung.
Früher waren Aktien ein durchaus positives System. Sie boten dem nun einmal vorhandenen Kapital genügend Anreiz, um in volkswirtschaftlich sinnvolle
Unternehmungen zu investieren und beispielsweise am Erfolg des Unternehmens durch Dividenden mit zu verdienen. Gut für beide Seiten.
Seit einigen Jahren ist dieses Prinzip jedoch in erhebliche Schieflage geraten. Was zählt ist allein der maximale Spekulationsgewinn in sehr kurzer Zeit,
koste es was es wolle.
Typischerweise kostet es Arbeitsplätze, auch in gesunden Unternehmen, denn jedes gesparte Gehalt fließt in die Taschen der internationalen Großspekulantion.
Und natürlich zehrt es an der Infrastruktur. Wozu das schöne Geld für starke Masten oder unterirdische Kabelwege ausgeben, wenn es doch die Taschen der
Shareholder, der Top-Manager, Vorstände und Aufsichtsräte noch praller füllen könnte? Gemeinsam haben sie de facto die
Verfügungsgewalt über das Vermögen eines Konzerns, und das werden sie auch zu nutzen wissen.
Wie so oft ist uns Amerika einige Jahre voraus. Dort kennt man das Phänomen verrotteter Energieversorgungsanlagen seit langer Zeit, und es schlägt sich
immer wieder in größeren wie kleineren Stromausfällen nieder. Auf diesem Weg scheinen, standesgemäß mit dem Champagnerglas in der Hand und einer künftigen
Millionenabfindung vor Augen, auch die Lenker unserer Stromversorger zu sein. Dabei fällt auf, wie lasch die Bestimmungen sind, mit denen sich die Stromversorger
aus der Haftung davonstehlen können, sei es beim aktuellen Stromchaos, oder erst recht bei einem Atomunfall. Gehaftet wird da grundsätzlich erst
einmal nicht. Dieser Zustand wäre ohne das "stillschweigende Verständnis" der Politik nicht vorstellbar.
Soviel Verständnis bringen wir vom GaU e.V. nicht auf. Wir glauben nicht an die Hochglanzprospekte, in denen uns das Märchen vom sicheren "Zwischenlager"
erzählt wird. Wir möchten unsere Zukunft und die unserer Kinder nicht denen anvertrauen, die nicht einmal ihre Strommasten im Griff haben.