Zwanzig Jahre nach Tschernobyl sind wir einem schweren Atomunfall nur knapp entkommen. Im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark führte der Ausfall der Notkühlung beinahe zum GAU. Während die deutsche Atomlobby wieder einmal keine Gefahr für Niemand erkennen kann, außer vielleicht einer drohenden Gefahr für die eigenen Profite, wurden schwedische Kernkraftwerke wenigstens vorübergehend abgeschaltet, um die Ursachen des Beinahe-GAUs zu untersuchen.
Am 26. Juli kam es zunächst zu einem Kurzschluß in einem Umspannwerk. Daraufhin gingen im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark zwei der drei Reaktoren vom Netz. In einer solchen Situation kommt alles darauf an, daß die Notstromaggregate anspringen. Denn ein Kernkraftwerk produziert nicht nur Strom, es ist zu seinem eigenen Betrieb auch dringend auf Stromzufuhr angewiesen, einerseits für die lebenswichtige Kühlung der radioaktiven Vorgänge, aber auch um die gesamte Steuerelektronik funktionsfähig zu erhalten.
Doch die Notstromversorgung versagte. Als Folge des Stromausfalls verlor die Bedienmannschaft minutenlang den Überblick über den Betriebszustand des Reaktors. Ohne Vorwarnung geriet das Kernkraftwerk somit in einen äußerst kritischen Zustand. Denn fatalerweise ist der einzige, der völlig ohne Strom auskommt, der Reaktorkern. Sein atomarer Zerfall speist sich selbst. Wird er nicht hinreichend gekühlt, so droht eine baldige Überhitzung mit nachfolgender Kernschmelze, also der GAU.
Lars-Olov Högelund war für die Betreiberfirma Vattenfall jahrelang auch für die Reaktoren in Forsmark verantwortlich. Er ist ohne Zweifel ein Insider der weiß, wovon er spricht. Sein beunruhigender Kommentar lautete: Es hätten nur etwa 7 Minuten gefehlt, bis der aufheizende Reaktor außer Kontrolle geraten wäre. Praktisch im letzten Moment verhinderte der schwedische Techniker Nicklas Sjulander den GAU durch das Zuschalten einer externen Stromquelle. Wie es heißt, handelte er dabei streng genommen gegen die Vorschriften, die ein längeres Abwarten und Analysieren der Situation verlangt hätten.
Ein Szenario, das selbst gutgläubige Befürworter der Atomkraft beunruhigen muß: In einem hochentwickelten Land wie Schweden, dessen Technik und Sicherheitsstandards sich hinter den deutschen keineswegs verstecken müssen, kommt es blitzschnell zu einer hochgefährlichen Situation, ohne daß irgendein Beteiligter im Kernkraftwerk einen besonderen Fehler gemacht hätte. Nur durch Zufall, und durch teilweises umgehen der Vorschriften bekommen die Techniker den Reaktor wenige Minuten vor dem größten GAU seit Tschernobyl noch in den Griff.
Wer will da eigentlich noch behaupten, Kernkraftwerke seien sicher? Wir haben nur Glück gehabt, wie schon einige Male seit Tschernobyl, unter anderem auch bei der Wasserstoffexplosion im deutschen Kernkraftwerk Brunsbüttel am 14. Dezember 2001. Pikanter Zufall: Forsmark und Brunsbüttel gehören beide dem Energiekonzern Vattenfall. Was man hier in Landshut auch wissen sollte: Brunsbüttel ist technisch ein enger Verwandter des Reaktors Isar-1.