Tschernobyl in Landshut

Am 26.04.1986 geriet nach einem Bedienungsfehler der Grafitreaktorkern vom vierten Block des Atomkraftwerks Tschernobyl, nähe Kiew, in der Ukraine, in Brand. Die extrem hohen Temperaturen verfrachteten die radioaktiven Freisetzungen auch bis zu 11 km hoch in die Atmosphäre, wo sie durch Höhenwinde und den Jetstream weiträumig verteilt worden sind.

Am 28.04.1986 zog ein Teil der radioaktiven Wolke über Finnland und Schweden. Niederschläge aus Cumuluswolken sorgten für den ersten radioaktiven Eintrag außerhalb der Ukraine und Weißrußland. Zwei Tage später, also am 30.04.1986, erreichte die radioaktive Wolke Landshut, wo sie von den Messgeräten des Atomkraftwerks Isar I ca. ab 03:00 Uhr erfasst worden sind. Gegen 10:15 Uhr wurden vom Betriebsleiter Herrn Steinrück sowohl das Bayerische Umweltministerium als auch der Stellvertretende Landrat und Bürgermeister von Essenbach, Herrn Josef Neumeier, von den alarmierenden Messwerten informiert. Danach sahen sowohl Herr Steinrück als auch Herr Neumeier keinen weiteren Anlass mehr, die Öffentlichkeit zu informieren. Am 14.05.86 behauptete Herr Steinrück, es wäre von der Staatskanzlei verboten worden, die Informationen weiter zu geben.

An diesem und dem folgenden Tag herrschte schönstes Frühjahrswetter mit vereinzelten Niederschlägen aus Cumulanten. Die Regenfront zog aus dem Osten kommend in ostsüdöstlicher Richtung, hauptsächlich durch das Vilstal und seinen Nachbargebieten. Dort kam es zu schwersten radioaktiven Verstrahlungen. Der südbayerische Raum insgesamt wies für Wochen eine Strahlenbelastung auf, die, wäre Sie in einem mit dem Umgang von radioaktiven Stoffen versierten Labor aufgetreten, nach den einschlägigen Vorschriften der Strahlenschutzverordung zu einem totalen Essverbot geführt hätte.

Von all dem hatten wir natürlich keine Ahnung. In der Presse war eine kurze Meldung über einen "Zwischenfall" in dem Atomkraftwerk von Tschernobyl zu lesen. Auch von radioaktiven Niederschlägen in Schweden gab es eine kurze Notiz. Vor diesem Hintergrund haben sich Thomas von Taeuffenbach, Gernot Häublein und ich uns am Donnerstag den 01.05.1986 zusammengesetzt und beraten, wie mit der Situation umzugehen ist. Wir entschlossen uns zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung zwei Tage später. Mir fiel die Information über Gesetze und Verordnungen, Grenzwerte und Risiken zu. Nachdem ich davon nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wurde ich von Christian Küppers vom Ökoinstitut in einem 12stündigen Telefongespräch in die Lage versetzt, fundierte Aussagen über die rechtliche Lage und die Auswirkungen von der Aufnahme radioaktiv verseuchter Lebensmittel zu treffen.

Bereits am nächsten Tag wurde der Grenzwert für radioaktives Jod 131 von 8 Bequerel auf 500 Bequerel erhöht. Damit würde ein Kleinkind mit einem Liter Milch das 1,5-fache der bis dahin erlaubten Jahresdosis aufnehmen. Am 05.05 1986 sah sich der Kreistag veranlasst, eine Sondersitzung zu dem "Unglück" in Tschernobyl abzuhalten, in dessen Verlauf der Milchhof Landshut voller Stolz schriftlich verteilen ließ, dass die Frischmilch des Tages eine radioaktive Belastung "nur" von 327 Bequerel für Jod 131 aufwies. Dies sei erreicht worden, indem Milch aus dem nördlichen Teil des Landkreises mit der aus dem südlichen Teil vermischt worden war. Da diese Milchbelastung für ein Kleinkind in einem Liter einer zuvor maximal zulässigen Jahresdosis entsprach, war nichts mehr wie vorher.

Ich hatte an diesem Tag der Leiterin des Kindergartens, den meinen beiden 4 und 5 Jahre alten Kindern besuchten, Handzettel überlassen, mit denen am Nachmittag des Tages von mir zu einem Informationsgespräch für die Eltern eingeladen wurde. Etwa 40 Mütter und der örtliche CSU Vorsitzende fanden sich ein. Nachdem mich der Ortsvorsitzende der unberechtigten Panikmache beschuldigte, forderten die Mütter die lokale Autorität ultimativ auf, den Saal sofort zu verlassen, was dieser auch umgehend tat.

Am Abend des gleichen Tages versuchte der für die Atomkraftwerke zuständige Aufsichtsbeamte des Umweltministeriums im Kaiserhof, die Anwesenden von der Harmlosigkeit der radioaktiven Belastung zu überzeugen. Die Veranstaltung endete nicht wie von den Veranstaltern geplant und der Beamte benötigte Polizeischutz, um sein Auto unbeschadet zu erreichen.

Innerhalb von zwei weiteren Tagen konnte ich in der Andechser Molkerei, die Ihren Landwirten die Verfütterung von Heu zur Auflage gemacht hatte, Milch mit einer Belastung von unter 20 Bequerel auftreiben. Innerhalb von Stunden formierte sich um die Familien Häublein und Gewies die "Initiative besorgter Eltern", die sich der öffentlichen Versorgung von unbelasteten Lebensmitteln zur Aufgabe machte. In gleicher Zeit waren die Verkaufsstellen mit dem Naturkostladen in der Schirmgasse, der Bäckerei Betz in der Niedermayerstraße und der Bäckerei von Vilsheim gefunden. Wenig später kam noch der Naturkostladen in Vilsbiburg hinzu. Die Kreisversammlung der Grünen übernahmen die Ziele der Initiative, die sich daraufhin in "Grüne aktiv" umtaufte.

Die erste Milchlieferung erfolgte am 09.05. und wurde bis Mitte Juli an zwei Tagen pro Woche aufrechterhalten. Zu diesem Zeitpunkt war die Belastung der lokal erzeugten Milch auf ca. 20 Bequerel gefallen. Insgesamt wurden, unter Mithilfe von Karl-Jörg Schröter, von uns etwa 250.000 Liter Frischmilch, 40.000 ltr H-Milch, 8 to Milchpulver und 3 to Butter in die Verkaufsstellen in Stadt und Landkreis Landshut gebracht.

Über den Kreis der in dieser Aktion Aktiven und den Empfängern wurde im 03.September 1986 der GaU eV (Gesellschaft für aktives Umweltbewusstsein) gegründet, der sich die Information der Bevölkerung zur Aufgabe machte. Dazu gehörte auch die Einrichtung eines bayernweiten Netzes von Messgeräten für Luftaktivität, um der Bayerischen Staatsregierung des Mess- und Informationsmonopol zu entziehen.

Und was hat der Staat aus der seiner katastrophalen Katastrophenbewältigung gelernt? Die Grenzwerte für die Einfuhr von Lebensmitteln in die EU wurde auf 600 Bequerel pro kg erhöht. Höhere Belastungen innerhalb der EU muss jedes Land klaglos hinnehmen, damit die "Warenströme" in der EU nicht gestört werden, so die offizielle Begründung. Per Verordnung wurde ein Mess- und Informationsmonopol für das Radiologische Institut in Freiburg eingeführt, damit sich widersprechende Informationen die Bevölkerung nicht erreichen kann. In Bayern wurde das Bürgertelefon eingeführt. Danach gibt es in jeder Gemeinde im Bedarfsfall eine lokale Telefonnummer, auf der gem. Verordnung nur die Informationen weitergegeben werden dürfen, die zuvor von der Staatsregierung übermittelt worden sind.

Wir sind noch einmal davongekommen, hatte ich im August 1986 formuliert. Wenn ich mir allerdings die Häufigkeit der Aufrufe zur Knochenmarkspende vor Auge führe, gilt das offensichtlich nicht für Alle.

Rolf Fahle